Einrichtungen für Kinder und erwachsene Menschen mit Behinderung.
Autistische Künstlerinnen und Künstler stellen in der documenta-Halle aus
Ein Ausstellungstipp von Hans Georg Schneider
Matthias Elsen (49) ist Autist und malt seiner frühesten Jugend. „Seine Bilder und Serien wurden nie veröffentlicht, obwohl es inzwischen eine Unmenge davon gibt,“ sagt sein Bruder Volker Elsen, Inhaber der Kommunikationsagentur N-CODING in Paderborn, und fand das außerordentlich schade. Mehr und mehr beschäftigte ihn der Gedanke, dass viele Menschen mit Autismus, die sich kreativ ausdrücken, ihre Werke nicht ausstellen können und daher unbekannt bleiben, obwohl sie es aufgrund ihrer künstlerischen Arbeit verdient hätten. So formulierte er die Idee: „Es muss das Ziel sein, das kreative Potential von Künstlerinnen und Künstlern mit Autismus sichtbar zu machen und deren künstlerische Aktivitäten nachhaltig zu fördern.“
2006 wandte er sich damit an Maria Kaminski. Sie ist die erste Vorsitzende des 1970 als Selbsthilfeverein gegründeten Verbandes „Autismus Deutschland e.V.“, der seit Jahrzehnten praktische Lebenshilfe für Familien und deren autistische Angehörige betreibt.
Das war der Startimpuls zur Gründung der Initiative „akku“. Sie soll Kunst und kulturelle Ausdrucksformen von Menschen mit Autismus in Deutschland fördern und öffentlich machen. Darüber hinaus sollen Netzwerke und Strukturen geschaffen werden, um eine langfristige Kunst- und Kulturförderung für Menschen mit Autismus zu etablieren.
Der Name „akku“ entstand aus der Abkürzung der Zielsetzung von Initiative für „Autismus, Kunst und Kultur“. In diesem Namen „akku“ treffen sich die Vorstellung vom Akku als aufladbarer Energiespeicher mit der konzeptionellen Idee, dass Kunst und Kultur wichtige Energiespender für das gesellschaftliche Leben sind. Denn die Kunst und Kultur sind es, die den Künstlern immer wieder die Energie und Kraft geben, ihre Projekte zum Leben zu erwecken.
Die spannenden Fragen, die sich für mich als Vater eines autistischen Künstlers stellen: Wie therapeutisch wirkt Kunst auf autistische Menschen, wenn man sie als Ausdrucksform anbietet und sie unterstützt, sie für sich zu erschließen? Gibt die künstlerische Arbeit Einblicke, um die Welt von Autisten sinnlich erlebbar zu machen? Wie real, surrreal und bunt wird sich die Welt der Autisten darstellen, wenn man ihnen einen Rahmen gibt, sich in ganz vielfältiger, höchst individueller Weise der Öffentlichkeit zu präsentieren? Kann man mit einer solchen Werkschau im öffentlichen Meinungsbild Irritationen, Ängste, Stigmata gegenüber Autismus abbauen und für mehr Verständnis und Toleranz gegenüber dem autistischen Anderssein werben?
Zitat:
„Kein anderes Metier als die Kunst ist in der Lage, Teilhabe und Integration so unmittelbar und vor allem freudvoll sichtbar zu machen. Aus diesem Grund ist „akku“ ein besonderes Projekt mit einer ganz eigenen Wirkung.“ Maria Kaminski
Inzwischen ist „akku“ sehr erfolgreich gestartet. In einem Internetauftritt (www.initiative-akku.org) werden Künstler mit Autismus mit der Idee vertraut gemacht und aufgefordert, sich mit ihren Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Bildhauerei, Installations-, Foto- oder Videokunst sowie Literatur, Poesie und Musikwerke zu beteiligen und damit eventuell eine Chance zu bekommen, sich mit ihren Werken der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Jetzt findet in wenigen Wochen die große Auftaktveranstaltung und erste große nationale museale Werkschau von Kunstwerken autistischer Künstlerinnen und Künstlern in der documenta-Halle in Kassel statt. Vom 29. Mai bis zum 20. Juni 2010 sind die Exponate unter dem Titel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zu sehen.
Die Veranstalter der Initiative „akku“ haben dafür prominente Mitstreiter und Unterstützer gewonnen. Die Schirmherrschaft übernahm der Hessische Staatsminister für Arbeit, Soziales und Gesundheit, Jürgen Banzer. In einem Festakt am Vorabend der Ausstellungseröffnung wird er ein Grußwort an die Gäste richten und die Ausstellung zusammen mit Maria Kaminski, der Vorsitzenden des Bundesvorstandes von Autismus Deutschland e.V. eröffnen.
Als „akku“-Botschafter für die künstlerische Qualität und die kulturelle Bedeutung fungiert der international renommierte Jan Hoet, künstlerischer Leiter der Documenta 9 (1992) und Gründungsdirektor des renommierten Kunstmuseums MARTa, Herford.
Professor Dr. Sabiene Autsch von der Fakultät Kulturwissenschaften der Universität Paderborn wird das Ausstellungsprojekt begleiten und im Wintersemester 2010 eine Seminarveranstaltung anbieten, die sich mit der Arbeit autistischer Künstler beschäftigt und eine spätere Ausstellung zu diesem Thema in Paderborn zum Ziel hat.
Bekannte Fotografen, unter ihnen auch Herlinde Koelbl (bekannt durch das Buch „Spuren der Macht“, der Verwandlung des Menschen durch das Amt) portraitieren die Künstler. Die Fotos werden als Teil der Ausstellung in Kassel und im etwa 360 Seiten starken Ausstellungskatalog zu sehen sein.
Insgesamt reichten 181 Bewerberinnen und Bewerber ihre Beiträge für die Ausstellung „Ich sehe was, was du nicht siehst“ ein. Alle Künstler werden repräsentiert. Den nach der Jurymeinung herausragenden Arbeiten wird in der documenta-Halle besonderes viel Raum gegeben. Unter ihnen ist auch Stefan Schneider, der in der GiB-Autisten-WG in der Grünaustraße in Hannover seinen Lebensmittelpunkt hat. Seine Kunsttherapeutin Josephin Lorenz, die auf Initiative der Eltern seit mehr als fünf Jahren Stefan Schneider und andere Bewohner betreut, wählte einige Werke aus dem Schaffen von Stefan Schneider aus und reichte sie ein. Seine Bewerbung wurde angenommen und nun ist er einer der ausstellenden Künstler in Kassel.
Josephin Lorenz ist darüber besonders glücklich, weil Stefan, der noch vor wenigen Jahren nur monochrome Flächen gemalt hat, sich heute künstlerisch sehr dezidiert mit seinen Lebenseindrücken und seiner Umwelt auseinandersetzt. Nach einer ersten kleinen Ausstellung im Kulturzentrum Plantage in Hannover bekommt er jetzt eine weitere Chance, sich mit einem ersten großformatigen Acrylbild auf nationaler Ebene vor einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.
Die Kasseler Ausstellung wird sich in zwei Hauptbereiche gliedern: Einen klassischen Ausstellungsteil, der die Positionen einzelner Künstler in ihrem Schaffen darstellt und eine Gesamtinstallation, die sich in einer thematischen Szenografie mit einer Reihe von Werken ganzheitlich auseinandersetzt. Es wird neben der reinen Ausstellung ein umfangreiches Begleitprogramm mit Lesungen, Podiumsdiskussionen, Kinovorführungen und Workshops geben. Das besondere Highlight ist der 5. Juni 2010. An diesem Sonnabend findet im Rahmen des Expertentages für Museumsleute, Galeristen, Kunstvereine und Kunstinteressierte eine Podiumsdiskussion zum Thema „Diversität im Kunstbetrieb“ statt. Jan Hoet wird mit Vertretern aus Kultur, Hochschule und Politik darüber streiten, welche Chancen und Möglichkeiten Kunst von Menschen mit Autismus und anderen Beeinträchtigungen im etablierten Kunstbetrieb hat.
Interessierte können sich in Kassel ab 29. Mai 2010 die erste nationale Kunstausstellung mit Werken von ausschließlich autistischen Künstlerinnen und Künstlern ansehen. Ausführliche Informationen erhalten sie im Internet unter www.ichsehewas.de

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